ANGST + STRESS

Ein Wissenschaftlicher Beitrag von Gehirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther, den er auf seiner Website veröffentlicht hat.

Psychoemotionale Belastungen, also  Angst und Stress, spielen eine entscheidende Rolle für die Herausbildung fast aller psychischen Störungen.

Aus diesem Grund habe ich mich während meiner Forschungstätigkeit an der Psychiatrischen Klinik besonders intensiv mit der Frage befasst, welche Auswirkungen Angst und Stress und die damit einhergehende, vermehrte Freisetzung von Stresshormonen auf das Gehirn haben. Es gab damals bereits eine Vielzahl von Einzelerkenntnissen, die ich zu ordnen und zu einem ganzheitlichen Bild zusammenzufügen versucht habe. Ein entscheidender Schlüssel zum Verständnis der z. T. sehr unterschiedlichen bis dahin bekannten Effekte von Angst und Stress auf die Funktion und die innere Organisation des Gehirns war die Unterscheidung zwischen „kontrollierbaren“ und „unkontrollierbaren“ Belastungen. Kontrollierbare Belastungen, also bewältigbare Herausforderungen führen zu einer Verstärkung der zur Bewältigung eingesetzten Funktionen, Bereiche und Strukturen im Gehirn. Unkontrollierbare Belastungen hingegen haben eine fortschreitende Destabilisierung bereits herausgebildeter Reaktionsmuster und Vernetzungen zur Folge. Damit eröffnen sich bis dahin nicht vorhandene Möglichkeiten für eine tiefgreifende Reorganisation bereits etablierter neuronaler Netzwerke und Verschaltungen.

Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass es niemals die objektiven Gegebenheiten, sondern die subjektiven Bewertungen dieser Gegebenheiten sind, die ausschlaggebend dafür sind, ob eine Belastung von einer Person als „kontrollierbar“ oder als „unkontrollierbar“ bewertet und empfunden wird. Und von dieser subjektiven Bewertung hängt es dann auch ab, welche akuten Reaktionen und welche langfristigen Auswirkungen im Gehirn und im Körper der betreffenden Person psychische Belastungen zur Folge haben.

Prof. Dr. Gerald Hüther